07.11.2020

Es fehlt das Menschliche; "DIE RHEINPFALZ" zu Corona und TSV


Presseartikel von Marek Schwöbel, "DIE RHEINPFALZ", Augabe Speyer, vom 7. November 2020

"Hintergrund:
Warum verliert der TSV Speyer keine Mitglieder aufgrund der Corona-Pandemie? Und was haben Regenwürmer mit Abstand zu tun? Auch der größte Verein der Region kämpft mit den Folgen der Krise. Allerdings liegen die Probleme nicht allein im finanziellen Bereich.
 
Speyer.

Für die Vereine in der Region ist das neuerliche Verbot, Übungseinheiten auf den Sportplätzen und in den -hallen anzubieten, ein Rückschlag. „Wir haben Verständnis für die Maßnahmen, sehen aber auch einige Nachteile für unsere Mitglieder“, erklären Herbert Kotter und Klaus Lochner, stellvertretende Vorsitzende des TSV Speyer, gemeinsam mit Vereinsmanager Claus-Dieter Kreutzenberger. Die Vertreter des größten Speyerer Vereins sehen vor allem herbe Einschnitte im sozialen Engagement des Vereins und im Breitensport.
 
„Wir sind ein Breitensportverein, daran gibt es nichts zu rütteln“, erklärt Kreutzenberger. Nur ein Bruchteil der rund 4000 Mitglieder – Kreutzenberger: „Ich sage immer, wir sind die Nummer fünf in Rheinland-Pfalz“ – üben Spitzensport aus wie die Top-Mannschaften in den Abteilungen Basketball und Volleyball. Entsprechend wirke sich das aktuelle Sportverbot in vielen Bereichen aus.
 
Regenwürmer und Abstand „Wir haben als Verein einen sozialen Anspruch“, stellt Kotter fest. Das bedeute, dass es viele Bereiche gibt, wo das Engagement des Vereins weit über die sportliche Ebene hinausgehe. „Viele ältere Menschen nehmen an unseren Übungseinheiten teil. Da zählt aber nicht nur die körperliche Betätigung hinzu, für viele ist die Gruppe auch eine wichtige Plattform für das soziale Alltagsleben“, präzisiert Lochner. Vielen älteren Menschen fehlten daher in der aktuellen Phase die sozialen Kontakte in den Übungsstunden.
 
Und das gilt laut dem Trio nicht nur für die älteren Mitglieder, sondern auch für die jungen. „Ich kann natürlich nicht von Kindern erwarten, dass sie durchgehend die Kontaktregeln einhalten“, sagt Kotter und erzählt ein Beispiel aus seiner Leichtathletikgruppe mit Sechs- bis Siebenjährigen: „Am Anfang haben sie im Freien auf dem Rasen beim Training die Abstände eingehalten. Das ging so lange gut, bis ein Kind einen Regenwurm entdeckte und ihn hochhielt. Wenige Sekunden später hatte sich ein Pulk gebildet, Abstandsregeln sind dann nicht mehr einzuhalten.“ Entsprechend sei nachzuvollziehen, dass diese Einheiten vorerst ausgesetzt werden. „Aber wir wissen alle, dass sich Kinder heutzutage viel zu wenig bewegen. Und sollte diese Sportpause noch länger gehen, wissen wir nicht, ob wir viele von ihnen danach wieder im Training sehen“, sagt Lochner.
 
Keine neuen Mitglieder
Bereits in der ersten sportfreien Zeit im Frühjahr war die Befürchtung groß, dass viele Sportvereine aufgrund der Corona-Krise und in der Folge geschlossener Sportstätten Mitglieder verlieren. Gilt das für den TSV Speyer? „Das kann ich so nicht unterschreiben. Wir verlieren aufgrund von Corona keine Mitglieder, aber vor allem gewinnen wir keine neuen hinzu“, verdeutlicht Kreutzenberger das Problem. In Zahlen: „Wir sind ein großer Verein, die Fluktuation beträgt in einem Jahr etwa immer zwischen zehn und fünfzehn Prozent“, führt der Vereinsmanager aus. Das bedeutet, dass traditionell jährlich rund 400 bis 500 Mitglieder den Verein verlassen, aber dafür mindestens die gleiche Menge wieder in den TSV Speyer eintritt. So hat der Verein in den vergangenen fünf Jahren etwa 200 Mitglieder hinzugewonnen. Im Mai zählt der Sportbund Pfalz, in dessen Statistik die Speyerer hinter dem 1. FC Kaiserslautern an Rang zwei stehen, 4074 TSV-Mitglieder. Kreutzenberger: „Ende des Jahres werden voraussichtlich rund 500 Mitglieder gehen, was eigentlich normal ist. Allerdings liegen uns derzeit nur rund 250 Neuanmeldungen vor. Letztlich fallen wir auf den Stand vor fünf Jahren zurück.“
 
Finanzielle Verluste
Die Folge der fehlenden Neuzugänge wird sich laut dem Trio aber erst im kommenden Jahr niederschlagen: „Dann fehlen uns etwa 25.000 Euro.“ Kreutzenberger: „Wir sind ein Verein, der sich aufgrund seiner Mitgliederbeiträge finanziert. Bei einem Etat von etwa 250.000 Euro fehlen uns dann etwa zehn Prozent.“ Zwar spare der Verein aufgrund der Ausfälle des Sportangebots beispielsweise bei den Vergütungen für die Übungsleiter, dennoch sei dies nur ein kleiner Posten bei den Ausgaben.
 
Schwerer wiegt bei den Verantwortlichen aber weiter der fehlende zwischenmenschliche Aspekt. „Wir mussten die Mitgliederversammlung ins kommende Jahr verschieben. Dort wären zahlreiche Mitglieder für ihre lange Zugehörigkeit zum Verein geehrt worden“, sagt Kotter. Alle diese wichtigen menschlichen Zuwendungen seien vorerst auf Eis gelegt. „Wir gratulieren derzeit den älteren Mitgliedern, wie es bei uns Usus ist, jetzt am Telefon zu runden Geburtstagen“, erläutert Lochner. Früher sei der Vorstand auch einmal mit einem Blumenstrauß vorbeigekommen. „Es fehlt einfach das Menschliche, das für einen Verein wichtig ist.“


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